Weihnachtsoratorium

Libretto [43 KB]
English version of libretto [40 KB] and some informations about the Christmas Oratorio [6 KB]

Matthias Drude
"Gott als Kind" (Vortragstext)

Das vergangene Jahrhundert ist reich an bedeutenden Kompositionen für die Passionszeit oder für das Ende des Kirchenjahres. Demgegenüber gibt es kaum zeitgenössische oratorische Werke, die sich der Weihnachtsbotschaft zuwenden. Offenbar ist es heute ungleich schwieriger, die frohe Botschaft glaubwürdig zu verkündigen als in früheren Zeiten, in denen trotz allem Elends häufig die Familie und die Gesellschaft, in der die Kirche fest verwurzelt war, ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln konnten.

Ist ein zeitgenössisches Weihnachtsoratorium nach Auschwitz, Tschernobyl und dem 11. September überhaupt möglich? Welche Position könnte es denn einnehmen? Soll es mit in die heile Welt idealisierter Darstellungen des Kindes in der Krippe einstimmen? Oder soll es jegliche unreflektierte Weihnachtsfreude inmitten von Krieg, Hunger, Armut und geschundener Natur massiv torpedieren? Soll es sich des üblichen Weihnachtsrepertoires wie festlichem Trompetenglanz, Hirtenmusiken und eingängigem Liedgut bedienen oder sich gegenüber den mit Weihnachten verknüpften musikalischen Erwartungshaltungen entschieden verweigern?

Ein Werk der Verweigerung ist mein Weihnachtsoratorium nicht geworden, aber auch kein Werk, das es bei jubelnden Engelschören und anbetenden Hirten belässt. Musikalisch gibt es durchaus auch dramatische, bedrohlich wirkende und ausgesprochen dissonante Passagen; textlich-inhaltlich wird die übliche Weihnachtsgeschichte erweitert durch den Bericht des Kindermords von Bethlehem, durch die Reflexion der Armut, in der Gott als Kind auf die Welt kommt und durch den Ausblick auf das Kreuz, mit dem das Werk sehr ruhig und nachdenklich ausklingt.

An keiner weiteren Stelle des Werkes findet sich später noch ein derart strahlender, apotheotischer, fast plakativer Abschluss wie zum Ende der relativ kompakten Nr. 3, die zugleich die Thematik des Oratoriums entfaltet.

(Klangbeispiel: Nr. 3)

Neben dem Hinweis auf das Motto des Werkes "Gott wird ein Kind" beinhaltet der gehörte Teil auch die Aussage "Angst ist vorbei", die bei zahlreichen Hörern des Werkes auf Kritik und Unverständnis stieß. In dem ruhigen Mittelteil dieser Nummer erläutert der Textautor Dietrich Mendt jedoch seine provokative Behauptung durch das Zitat aus dem Johannes-Evangelium: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Musikalisch entspricht dieser Abschnitt einem Rezitativ, entsprechend etwa den durch Streicher begleiteten Jesus-Worten der Bach'schen Matthäuspassion. Im Unterschied zu Bach sind hier jedoch die Teile Chor - Rezitativ und wieder Chor nicht durch Zäsuren voneinander getrennt. Die Teile gehen vielmehr ineinander über.

Von Bach unterscheidet sich auch die Sprecherpartie. Weite Teile der biblischen Weihnachtsgeschichte, aber auch einige der neuen Texte werden gesprochen und nicht gesungen. Musikalisch besonders dramatisch ist die Nr. 10, ein Melodram, in dem die Frage gestellt wird, wo heute in der Welt Platz für Gott sei. Problematisch erwies sich bei den Aufführungen der teilweise recht massive Orchesterpart, gegen den sich der Sprecher nur schwer durchsetzen kann. Ein wenig von dieser Problematik ist sicher auch der CD anzuhören. Wenn ich gefragt würde, was ich beim nächsten Mal besser machen möchte, so würde ich sicher auf die nicht immer optimale Orchesterbehandlung im Melodram Nr. 10 verweisen.

(Klangbeispiel Nr. 10)

Eine ausgewachsene Arie in variierter Strophenform ist die Nr. 8, das "Wiegenlied der Maria". Die eigenartige Verbindung von Schwermut und Freude wird u. a. dadurch realisiert, dass Dur und Moll häufig wechseln und dass Töne der Molltonleiter die D-Dur-Haupttonart durchdringen.

Klangbeispiel Nr. 8)

Wie bei Bach, so spielt auch in meinem Oratorium neben Chor, Rezitativ und Arie der Choral eine wichtige Rolle. Allerdings habe ich mich bemüht, jeder Choralmelodie eine unterschiedliche musikalische Gestaltung zuzuordnen. Durch diese Individualisierung verliert der Choral seine überkommene Bestimmung, die singende Gemeinde zu verkörpern. Der Autor des CD-Booklets Benjamin Schweitzer schreibt zu den einzelnen Choralvertonungen: "So erklingt >Es ist ein Ros' entsprungen< anfangs in dissonanter Dünnstimmigkeit, einem Orchesterklang, dem die Mitte fehlt (hierin Schostakowitsch vergleichbar), sich dann zum Choralsatz verdichtend und doch der Schlusskadenz die Auflösung verweigernd, >Ich steh an deiner Krippen hier< in entwaffnend nackter Einstimmigkeit, >Gelobet seist Du, Jesu Christ< in einer schwebenden diatonischen Heterophonie. Kritik an unreflektierter Idylle und dem Weihnachtskitsch der Konsumgesellschaft wird - mit einem Anklang von >Minimal Music< - in der Umserzung des Liedes >Kommet , ihr Hirten< geradedurch forcierte Einfachheit artikuliert." Soweit das Zitat. Den stärksten Bezug zu Bach weist dabei der Schlusschoral auf. Es handelt sich um die Melodie, die wir heute meist mit dem Passionslied O Haupt voll Blut und Wunden assoziieren. Zu Bachs Zeit war diese Melodie jedoch vor allem unter dem Text Herzlich tut mich verlangen bekannt, wodurch die klare Festlegung auf ein Passionslied entfällt. Die von Dietrich Mendt neu gedichtete Strophe schlägt eine Brücke von der Krippe zum Kreuz. Der Text lautet:

"Mein Kind, aus Holz ist beides,
die Krippe und das Kreuz.
Ich Schuldner deines Leides!
Dich freut es und mich reut's. Hast leben mir erworben,
geöffnet Gottes Tür!
Du bist daran gestorben.
Gegrüßet seist du mir!"

Musikalisch greift mein Satz auf Bachs Vertonung von Wie soll ich dich empfangen in der 1. Kantate seines "Weihnachtsoratoriums" zurück. Am Anfang wird der Bach-Satz vor allem durch rhythmische Dehnungen verfremdet, während der a-cappella-Schluss dem Schluss des entsprechenden Bach-Chorals notengetreu entspricht. Wir hören den Bach-Choral aus seinem "Weihnachtsoratorium" und meine Vertonung in der direkten Gegenüberstellung.

(Klangbeispiel Bach und Drude)

Ein weiteres, wenn auch verstecktes Bach-Zitat bringt die Hirtensinfonie, die sowohl im Bach- als auch im Drude-"WO" am Beginn des 2. Teils steht. Hier ein Zusammenschnitt der entscheidenden Passagen.

(Klangbeispiel)

Mir ging es bei der Hirtensinfonie darum, an die Stelle einer heiteren Idylle, einer verklärten Darstellung des Landlebens, das düstere Bild einer Bevölkerungsgruppe zu stellen, die auf der Schattenseite des Lebens ihr Dasein fristet. An die Stelle weicher Streicherklänge, die hier völlig fehlen, treten herbe Bläserfarben.

Das Oratorium fand bei der Uraufführung und den zwei weiteren Aufführungen in Leipzig und Chemnitz überwiegend begeisterte Zustimmung, die sich allerdings teilweise mehr auf die Musik als auf den Text bezog. Der Text erregte vor allem durch die sehr drastische, plakative Formulierung "Angst ist abgeschaftt" Anstoß. Einzelne kritische Stimmen zur Musik kamen von unterschiedlichen Richtungen her: Während den einen das Werk gemessen an den Hörerwartungen zu problembeladen und zu wenig populär erschien, bemängelten andere, dass das Oratorium mit der zeitgenössischen Musik seit Schönberg im allgemeinen fast nichts zu tun habe. Seine wesentlichen musikalischen Vorbilder würden im 19. und frühen 20. Jahrhundert liegen (z. B. Bruckner und Mahler). Ich möchte auf diese Kritik mit der Frage antworten, ob sich Kirchenmusik, in der es ja auch um überzeitliche Dinge, wie etwa den durch Kreuz und Auferstehung begründeten christlichen Glauben oder das Lob Gottes geht, völlig der allgemeinen stilistischen Entwicklung zeitgenössischer Musik unterordnen muss. Ich denke, Kirchenmusik sollte sich zwar durchaus öffnen gegenüber den vielfältigen Erscheinungsformen experimenteller und etablierter zeitgenössischer Musik. Aber sie darf daneben ihr eigentliches Anliegen der Verkündigung nicht aus den Augen verlieren. Für mich ist es daher durchaus ein Unterschied, ob ich ein Klavierstück oder ein geistliches Oratorium komponiere. Mit einem Oratorium möchte ich die Herzen vieler Hörer erreichen und durch das Medium der Musik die christliche Heilszusage verkündigen.

(Schluss des 2. Teils oder 2. Teil komplett)